Ein betörender Duft strömt durch das Haus, es ist eine Mischung zwischen den Plätzchen die noch in letzter Minute (was soll auch die Grossmutter denken, wenn wir nur sieben, anstelle der neun Sorten Weihnachtsgebäck haben) gebacken worden sind, den mit viel Liebe und ein bisschen Missfallen von den Kindern…

…mit Nelken besteckten Orangen und dem Braten, dem fünften von sechs Gängen, der bereits im Ofen schmort. Heute morgen, das letzte Türchen am Adventskalender geöffnet. Endlich, es ist Heiligabend!

Die Tür zum Wohnzimmer ist verschlossen. Dort hat sich das Familienoberhaupt verschanzt, ausgerüstet mit kistenweise Material, das er den ganzen Morgen vom Dachboden heruntergeschleppt hatte. Das dritte Jahr in Folge durchsucht er alle Kisten nach dem geerbten, versilberten, gläsernen Christbaumspitz, der vor vier Jahren die Flugbahn eines Sektkorkens störte. Vor der Haustür liegt, umrahmt von Sägemehl und der stumpfen Säge des Nachbarn, der Beweis, dass unsere Stube doch nicht so hoch ist, wie wenn Vater mich auf die Schulter nimmt und ich die Hände ausstrecke. Was mutmaßlich daran liegt, dass Kinder wachsen. Draussen wird es langsam dunkel und alle kommen aus ihren Zimmern, herausgeputzt und strahlend wie Honiglebkuchenpferdchen… 

Ja, genau so ist Weihnachten und so soll es auch in diesem Jahr wieder sein. Die Erwartungen und die Einkaufslisten sind gross und jeder trägt, wie dazumal, mehr oder weniger freiwillig seinen Teil dazu bei. Jedes Detail in der Szenerie muss stimmen und dies ist möglicherweise auch die Begründung, warum das Fernsehprogramm in dieser Zeit aus Wiederholungen besteht.

Doch sind leider seither über zwanzig Jahre vergangen und eigentlich ist nichts mehr, ausser dem Fernsehprogramm, so wie es damals war. Aus cholesterin- und kalorientechnischen Gründen fällt der Sechsgänger flach. Die neun Sorten Weihnachtsgebäck sind schon lange der Gebäcksmischung des Detaillisten gewichen und die Grossmutter denkt seit schon bald sieben Jahren überhaupt nichts mehr. Eigentlich ist der Zauber von Heiligabend schon lange verblasst. Nichts aber hält sich verbissener als der Wunsch, dass dieses Jahr Weihnachten wieder wie damals wird. Wie damals, als ich den grossen Teddybär geschenkt kriegte, der damals einen Kopf grösser war als ich und ich ihn daher nicht selbst die Treppe hinauftragen konnte. Der, damit er nicht gleich kaputt ging, auch sofort die Verbannung auf die Kommode antreten musste. Ja, genauso sollte es sein, wie damals, als alle glücklich und zufrieden waren.

Auch die atheistisch veranlagtesten Menschen packt in diesen Tagen die Sehnsucht nach Kerzen und Zimtsternen. Die Strassen sind wie leergefegt. Anscheinend wünscht jedermann nichts sehnlicher, als im getrauten Familienrahmen feiern zu können. Weihnachten, wohl das Fest mit den grössten Erwartungen und somit auch den grössten Enttäuschungen. Denn irgendetwas geht immer schief. Was ist es dieses Jahr?

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